Postkolonialer Stadtrundgang in Braunschweig – Digitaler Einblick

Innerhalb unseres Themenmonats im Mai haben wir einige Stationen des Postkolonialen Stadtrundgang Braunschweigs #1 auf unseren Kanälen auf Instagram und Facebook vorgestellt und im Folgenden hier veröffentlicht:

Von wem wird Geschichte geschrieben? Welche Güter konsumiere ich? Auf welchen Strukturen basieren frühe Handelsbeziehungen? Was habe ich über die Kolonialzeit in der Schule gelernt? Wer wird wie im Stadtbild repräsentiert? Welche Familien aus Braunschweig profitierten von deutschen Kolonien? Welche Straßennamen und Biographien sind problematisch?

Der kleine Exerzierplatz

Bevor an diesem Ort die Universität mit dem Haus der Wissenschaft und dem BRICS stand, befand sich hier der kleine Exerzierplatz. „Exerzieren“ heißt so viel wie militärisch ausbilden und seit dem 17. Jhd. wurde dieser Platz für militärische Übungen und Appelle erwähnt. Ab 1848 wurde der kleine Exerzierplatz auch für zivile Nutzung freigegeben.
Neben Märkten und Festen fanden ab Ende des 19. Jhd. auch sogenannte Völkerschauen auf dem kleinen Exerzierplatz statt. Diese Völkerschauen stellten Menschen – bevorzugt BIPOC aus dem globalen Süden – zur Schau, machten sie zu „Anderen“ und entmenschlichten sie. Die Veranstaltenden erzielten dabei teils hohe Gewinne durch Eintrittstickets.
Für April 1911 gibt es Nachweise über eine Völkerschau am kleinen Exerzierplatz, welche von der Familie Hagenbeck – bekannt durch den Zoo in Hamburg – initiiert wurde. Weitere Veranstaltungen waren für 1914 von Zirkussen geplant, jedoch aufgrund des ersten Weltkriegs abgesagt. Mit sinkendem Interesse der Bevölkerung an Völkerschauen fanden diese in den 1940ern ihr Ende. Im Jahr 1936 wurden auf dem Gelände des kleinen Exerzierplatzes Universitätsgebäude, unter anderem das heutige Haus der Wissenschaft, gebaut. Zunächst benutzte sie die Bernhard-Rust-Universität, in der während der NS-Diktatur Volksschullehrer:innen ausgebildet wurden. Nach dem 2. Weltkrieg nutzte die Kant-Hochschule die Gebäude und ab 1969 die Technische Universität Braunschweig.

Das Schloss

An diesem Ort steht heute die wiederaufgebaute Fassade
des Residenzschlosses der Braunschweiger Herzöge (aus dem Hause der Welfen). Seit 1753 war dieses Schloss der Hauptwohnsitz im damaligen Fürstentum Braunschweig-Lüneburg, später Herzogtum Braunschweig. Davor residierte der Hof in Wolfenbüttel. Im 17. & 18. Jahrhundert gab es am Fürstentum verschiedene Personen afrikanischer Herkunft. Zu dieser Zeit war es eine Normalität an den Fürstenhöfen Europas schwarze Diener*innen, zeitgenössisch, M*** genannt, als Statussymbol zu „besitzen“. Die Menschen waren meist aus ihrer Heimat entführt und versklavt worden. Zusätzlich zu den versklavten Dienenden gab es Ende des 18. Jahrhunderts auch Schwarze Soldaten in Braunschweig, die mit den zurückgekehrten Truppen aus dem Unabhängigkeitskrieg zwischen Großbritannien und den entstehenden USA in die Stadt kamen und hier weiterhin als Soldaten dienten. Sie waren in den britischen Kolonien als Sklaven auf den Plantagen zur Arbeit gezwungen worden und schlossen sich während der Kriegshandlungen den Truppen an. Eine der bekanntesten schwarzen Personen aus unserer Region ist Anton Wilhelm Amo. Um 1704 auf dem Gebiet des heutigen Ghanas geboren, wurde auch er entführt und von der niederländischen Westindien Handelsgesellschaft nach Europa verschleppt. Als „Geschenk“ an den Herzog kam er 1708 an den Hof in Wolfenbüttel und verbrachte dort seine Jugend. Er war dort als Diener aber bekam gleichzeitig vom humanistisch geprägten Herzog die Möglichkeit, die Schule und später verschiedene Universitäten zu besuchen. Er gilt als Vertreter der Frühaufklärung setzte sich aktiv für die Rechte Schwarzer Menschen in Europa ein.

Wir machen historische Fakten wieder zugänglich und sichtbar. Wir geben die Möglichkeit einer Auseinandersetzung mit der Geschichte und ihrer, bis heute anhaltenden Folgen, für ehemals Kolonisierte und hierarchischen Systemen. Dabei versuchen wir die Tragweite greifbar zu machen, die für Kolonialisierte während dieser Epoche entstand und durch manifestierte Machtstrukturen auch heute noch besteht. Obwohl Braunschweig zwar bei weitem nicht im Zentrum des kolonialen Geschehens stand, sollen die ausgewählten Orte Ausgangspunkte sein, um Fragen aufzuwerfen, inwieweit auch die deutsche Gesellschaft noch immer kolonial geprägt ist. Welche Rolle Rassismus als Nachwirkung kolonialer Prägung einnimmt. Und welche Art der Kritik und Intervention für den Umgang mit der Vergangenheit und der Gestaltung der Zukunft notwendig sind.

Das Kolonialdenkmal

Das Kolonialdenkmal zeigt uns zwei Dinge: Zum einen: Geschichte wird aus einer Perspektive erzählt. Zum anderen: Der Wandel der Gesellschaft und ihrer Werte macht eine wiederkehrende, kritische Revision von Gedenken und der Erzählung von Geschichte notwendig. Im Jahr 1924 beginnt die Geschichte des Kolonialdenkmals mit einem Spendenaufruf für ein Denkmal. Man wollte ein Denkmal, das “Helden” verehrt und das Interesse an Kolonien wachhalten. Auf seiner Front ein großer Löwe, der seine Pranke auf einen Globus legt – der Löwe symbolisiert Kraft, die nötig sein würde, um die Kolonien, die Deutschland durch die Versailler Verträge 1920 durch den Völkerbund entzogen wurden, zurückzuerlangen. Darauf steht: „Per Aspera Ad Astra“ – Durch das Raue zu den Sternen.
Aus heutiger Perspektive erkennt man diesen Appell klar als rassistisch – denn es gab nie eine legitime Begründung von Herrschaft in Kolonien, nur rassistische Behauptung einer Unterlegenheit der dort lebenden Menschen. Die Symbolik unterstreicht ein Großmachtstreben.
Das Kolonialdenkmal ist eine historische Erzählung von einem rassistischen Erzähler, der sich gewünscht hat, dass Deutschland wieder andere Länder und ihre Bevölkerung unterdrückt und ausbeutet.
Denkmäler sind in Form gebrachte Erzählungen von Geschichte. Die Frage, die sich hier stellt, ist: Wie gehen wir mit dieser Erzählung im öffentlichen Raum um?

Die Kastanienallee

Vor etwas mehr als 100 Jahren lebten in einem Haus an der Kastanienallee Verwandte von Ernst Trümper, welcher von 1906 bis 1923 in der ehemaligen deutschen Kolonie Südwest-Afrika – im heutigen Namibia – arbeitete. Dies geht aus Briefwechseln zwischen Trümper und dieser Adresse hervor.
Das Unternehmen Wecke & Voigts, für das Trümper arbeitete, „handelte“ seit 1892 mit den Herero, welche in der Region lebten. Ein fairer Handel ist anzuzweifeln, da Gründer Gustav Voigts, geboren in der Nähe Braunschweigs, 1896 als Reserveoffizier gegen einen Aufstand der Herero zog und wertvolle Gegenstände als Raubgut mitnahm. Dieses Raubgut ließ er 1898 der Stadt Braunschweig zukommen. Außerdem besitzt die Familie Voigts bis heute sehr viel Land und auch die Firma Wecke & Voigts bleit seit über 100 Jahren im Familienbesitz.
Mit dem Ende der deutschen Kolonien nach dem ersten Weltkrieg und dem vergeblichen Versuch Land in Windhoek zu kaufen zog Ernst Trümper 1923/24 zurück nach Timmerlah in Braunschweig. Dort eröffnete er ein Gasthaus, welches mit tierischen Trophäen aus Afrika gefüllt war. Der Briefwechsel und die Biografien Trümpers und Voigts zeugen von den dichten Verbindungen zwischen Braunschweig und den ehemaligen deutschen Kolonien.

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